Dissonanzen


07.11.2014, Alter: 4 Jahr(e)
Von: Uli Billon

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Alle Münchner mit Sinn für Kultur, und ganz bestimmt alle, die uns nahe stehen, sind einhellig der Meinung, unsere Stadt brauche dringend einen ihrem musikalischen Anspruch, und wichtiger noch, ihrem musikalischen Niveau entsprechenden Konzertsaal. Und das schon seit vielen Jahren.

Die Diskussion ist gesellschafts- und medienübergreifend ausgiebig geführt worden, und wir wiederholen die Vielzahl der - jedes für sich - schlagendenden Argumente an dieser Stelle nicht. Wir wundern uns nur. Wobei "wundern" eigentlich das falsche Wort ist, denn natürlich war die derzeitige Situation vorhersehbar. Und dennoch benehmen sich die involvierten Entscheidungsmitträger dermaßen wenig kulturaffin, dass wir es schlicht nicht für möglich gehalten hätten.

Im Vorfeld der letzten Landtagswahl, aus Anlass des Berliner Neujahrsempfangs 2012, sagte der führende bayerische Mitentscheidungsträger, als alle bayerischen Augen auf ihn gerichtet waren, vor Hunderten von Gästen im festlichen Rampenlicht einen neuen, angemessenen Konzertsaal für die Musikstadt München fest zu. "Dafür stehe ich". Diese Zusage wurde im Verlauf der kommenden, der Wahl unmittelbar vorangehenden Monate in jedem auch nur entferntest mit Kultur zu verbindenden Kontext wiederholt.

Es ist zwar in hohem Maße peinlich, aber nicht wenige von uns haben genau aus diesem Grund ihren Wahlzettel entsprechend, nun ja, markiert. Dass solcherlei politisches Taktieren dem Handlungssniveau des dreijährigen Sohns unserer Kollegin beim Basta-Spiel entspricht - geschenkt.

Jedenfalls möchte nun der oben zitierte politische Macher mitentscheidend dazu beitragen, dass der hochgepriesene "neue Konzertsaal" in das Gesamtschulenambiente unseres guten alten Gasteigs integriert wird. Sie reiben sich die Augen? Tatsächlich, der Mann rühmt sich sogar damit, Ideengeber gewesen zu sein, Die derzeit im Gasteig ansässigen Bibliothek müsste übrigens umziehen. In ein neues, angemessenes Gebäude. Hallo?

Staatliche Kulturpolitik nennt sich das. Seitens der städtischen Administration reibt man sich zufrieden die Hände, denn diese Lösung entspricht genau dem dort verbreiteten Verständnis von Kultur. Abgehakt! Alle anderen blicken stumm um den ganzen Tisch herum, mal abgesehen von einer Handvoll bewundernswerter und fachkundiger Musikkulturkämpfer.

Vor Jahrhunderten hat ein Bayerischer Kurfürst die Chance verstreichen lassen müssen, Wolfgang Amadeus Mozart an den Münchner Hof zu verpflichten. Darüber werden bis heute Krokodilstränen vergossen. Würde Mozart heute wieder anfragen, dann wohl direkt bei Nicholaus Bachler am Nationaltheater. Den backsteinernen Kulturtempel am Isarhochufer hätte er bereits bei der Anreise von Österreich mit einem Seitenblick für seine Sinfonien verworfen. Von der subtilen Kammermusik mal ganz zu schweigen.

Das aktuelle Kapitel einer traurigen, vielleicht sogar zynischen Geschichte. Ein Schauspiel, dessen sich die vielgerühmte bayerische Kulturgeschichte wohl eher schämen muss.