Kunstvermittlung auf amerikanisch


14.10.2014, Alter: 4 Jahr(e)
Von: Uli Billon

so lernt man nie aus...

In Sachen Kommunikation sind die Amerikaner ja führend. Telefon, Telex, Telefax, Internet, alles kommt aus USA. Nur das Briefeschreiben haben, glaube ich, wir Europäer erfunden. Und parallel dazu die Chinesen.

Auch was die Kommunikationstechniken anbelangt, stammen 90% der Neuentwicklungen, fein kommerziell verpackt in hochglänzenden Sachbüchern, von jenseits des Atlantiks. Und wir übernehmen nach eingehender Prüfung, was uns tauglich erscheint.

Nun wollte ich mich mal wieder auf den neusten Stand bringen (und ggf. den einen oder anderen Tipp abkupfern), und bin nach New York gereist, um mir im dortigen Moma, dem Welttempel der Kunstvermittlung, eine "Lecture" zu gönnen zum Thema: Kandinsky und die Musik. Der Blaue Reiter ist nämlich gerade mein Lieblings-Recherchetopic.

In freudiger Erwartung betrete ich mit einer halben Stunde Vorlauf das Museum, um genügend Zeit zu haben, den auf der Website des Moma angekündigten Galerieraum "Gallery 6, staircase, Floor 5", zu lokalisieren, in dem die Veranstaltung stattfinden soll. Eine weise Entscheidung, wie sich gleich herausstellt. Denn am Empfang in der Lobby kann man mir lediglich die Information geben, den Raum 6 gebe es auf der 5. Etage gar nicht, Kandinsky hänge im übrigen auf Floor 4, und zum Thema Staircase: großes Fragezeichen. Folgerichtig finde ich auf der 4. Etage schnell einen Raum mit einer Auswahl großformatiger Kandinskys, es ist die Galerie: 7. Eine Treppe gibt es dort auch (staircase!), und als ich auf eine Gruppe Gleichgesinnter stoße, die wie ich an der nun ummittelbar anstehenden Lecture teilnehme wollen, scheint mir alles perfekt. Nur von einem Lektor bzw. einer Lektorin fehlt jede Spur.

Nachdem ich mir auf der Suche nach unserem Kunstvermittler in kurzen Zügen die gesamte im Moma vertretene Klassische Moderne angesehen habe, und mich bei jedem einzelnen Staff-Mitglied des Moma davon überzeugt habe, dass die Kandinsky-und-die-Musik-Lecture ein Hirngespinst sein muss, entsprungen meines derzeit beinahe krankhafte Interesse an allem, was mit dem Blauen Reiter zu tun hat, tauche ich eine Viertelstunde nach geplanten Beginn der Lecture wieder bei Kandinsky auf - und siehe da, eine Dame mit einem Handwagen voller bunter Papierschnipsel, state-of-the-art-mäßig ausgestattet mit einem in CI Farben verpackten iPad, hat sich in die Mitte des Raums begeben und ist ganz offensichtlich im Begriff, eine Lecture zu halten. MEINE Lecture!

Leider lassen die Papierschnipsel direkten Rückschluss zu auf das Publikum dieser (mittlerweile erstaunlicherweise doch von 5 weiteren Teilnehmern aufgespürten) Veranstaltung zu, und nachdem eine im intellectual-anti-everything der 80er gestylte Dame zu einem Vortrag ihrerseits über das Gelb ihres Schnipsels im Dialog mit Blau, der Farbe ihrer heutigen Tagesverfassung, ansetzt, schleiche ich mich davon und widme mich der Ausstellung in Floor 3, Robert Gober. Kandinsky und die Musik, das ist sowieso eher ein Thema für das wunderbare Lenbachhaus in München.